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Mediation und die Anwaltschaft


von Rechtsanwalt und Mediator
Dr. Harald Wozniewski, Karlsruhe

Mediation steckt in Deutschland nach wie vor in den Kinderschuhen, und es ist nicht absehbar, wann Mediation in Deutschland ebenso etabliert sein wird, wie beispielsweise in den USA. Dort jedenfalls, glaubt man der bei Duve zitierten Studie, trägt längst die Mehrzahl der Anwälte ihre Fälle lieber zum Mediator als vor Gericht. Fragt man hierzulande Kollegen aus der Anwaltschaft nach ihrer Meinung über Mediation, so erhält man regelmäßig die gleichen Antworten:
  • "Wir machen doch ohnehin schon Mediation, und wenn der Gegner nicht einlenken will, dann muss man eben vor Gericht ziehen."
  • "Mediation ist zu zeitaufwendig."
  • "Mediation ist zu teuer." Umgekehrt aber auch: "Bei Mediation verdient man als Anwalt nichts."

"Wir betreiben doch sowieso schon Mediation!"

Interessant ist vor allem die Äußerung von Rechtsanwälten, dass man ohnehin "mediativ" arbeite und Streit zu schlichten suche. Sie dokumentiert nämlich eines von mehreren Missverständnissen (s. u.). Zum Teil wird mit dieser Antwort versucht, dem latenten Vorwurf zu entgegnen, dass der Anwalt Streit schüre, anstatt ihn zu schlichten. Der Anwalt, der seine Tätigkeit als "mediativ" bezeichnet, solidarisiert sich auf diese Weise mit einer als positiv erkannten Eigenschaft, nämlich der Friedfertigkeit, die er mit Mediation verbindet.

In Wirklichkeit aber versucht dieser Anwalt die Quadratur des Kreises. Eine berechtigte Funktion eines Rechtsanwalts besteht darin, seinen Mandanten parteilich (!) rechtlich zu beraten. Jeder Jurist hat (mancher mit Schmerzen) gelernt, dass Gesetz und Recht nichts logisch zwingendes ist wie etwa naturwissenschaftliche Gesetze. "Biegen Sie das Gesetz - ohne es zu brechen" heißt es in John Grisham's Roman Die Firma. Deshalb kann niemand zwei oder mehr Parteien gleichzeitig korrekt rechtlich beraten. Ein Mediator hält sich mit eigenen Beiträgen aus inhaltlichen Fragen der Streitlösung und damit auch aus einer rechtlichen Bewertung heraus (er sollte es jedenfalls unbedingt). Der Rechtsanwalt einer Partei muss zu den Inhalten der Streitlösung Stellung beziehen und zwar zum Vorteil seines Mandanten. Also kann er sich nicht gleichzeitig - wie ein Mediator - aus der inhaltlichen Gestaltung einer Lösung heraus halten. (Soll er ja auch nicht!)

"Mediation ist zu zeitaufwendig"

Damit ist zunächst die Sorge gemeint, dass der Anwalt zu viel Zeit mit reden und verhandeln verbraucht. In der Tat besteht Mediation fast nur aus reden und verhandeln. Das sind deutsche Anwälte nicht gewohnt. Sie kriegen es auch während des Studiums nicht beigebracht. Anwälte sind es gewohnt, Briefe und Schriftsätze zu diktieren und zu Gericht zu gehen. Beratungen von Mandanten halten viele Anwälte lieber kürzer als länger ab. Das Unbehagen, das mit der zitierten Meinung über Mediation zum Ausdruck kommt, ist verständlich.

Hinter dem Urteil "zu zeitaufwendig" verbirgt aber auch sich die (mangels eigener Erfahrung natürliche) Angst, die Mediation führe zu keinem positiven Ergebnis, und es müsse dann doch prozessiert werden.

Viele Rechtsanwälte sind verprellt ...

... weil viele Mediatoren auf dem Gebiet der Scheidung von Eheleuten in der Öffentlichkeit damit geworben haben (und immer noch damit werben), dass die Parteien sich in der Mediation die Rechtsanwälte und damit erhebliche Kosten ganz oder zum Großteil sparen könnten. Dass dies falsch und sogar für die Mediation ebenso wie für die Klienten nachteilig ist, hatten (bzw. haben) diese Mediatoren nicht begriffen. Zu verständlich ist es daher, wenn Rechtsanwälte sich der Mediation verschließen.

Folge ist zugleich:

Die wenigsten Rechtsanwälte wissen, dass sie wichtig für die Mediation sind

Die Bedeutung von Rechtsanwälten in der Mediation wird von ihnen selbst aber auch von jenen Mediatoren unterschätzt.

Rechtsanwälte spielen eine wichtige Rolle in der Mediation. Rechtsanwälte sind für ihre Mandanten die Gewähr dafür, dass sie von der Gegenseite nicht übervorteilt werden. Anwälte geben ihrer Partei (normalerweise) Sicherheit dafür, dass sie nicht ungewollt etwas aufgeben, - wovor sie (vermeintlich) in einem Prozess vor Gericht bewahrt geblieben wären.

Diese Sicherheit kann, entgegen der Ansicht von manchen Mediatoren, der Mediator nicht geben. Versucht dieser dennoch die Parteien rechtlich zu beraten, spielt er sich unvermeidlich zum Anwalt der einen oder anderen Partei und zum Schiedsrichter von beiden Parteien auf. Die Folge ist regelmäßig, dass die Mediation scheitert oder mit einem nicht befriedigenden Ergebnis endet und das vielleicht schriftlich fixiert, aber nicht umgesetzt wird. (In Wahrheit handelt es sich um einen Etikettenschwindel, bei dem ein Schiedsrichter sich den Leuten als Mediator verkauft.)

Traurige Bilanz bisher:

Nur die wenigsten deutschen Rechtsanwälte kennen Mediation wirklich und haben Erfahrung damit

Natürlich haben die Rechtsanwälte sich ein Bild von Mediation gemacht. Das ist aber leider häufig falsch.

Viele Rechtsanwälte halten Mediation für eine Art Schlichtungs- oder Schiedsgerichtsverfahren, wo - wie bei Gericht - der "Mediator" als "Unparteiischer" sein Urteil über den Fall abgibt, wenn er die Parteien nicht zu einem Vergleich überreden kann. Vergleichsverhandlungen vor Gericht kennt jeder Anwalt: Da bohrt der Richter auf der einen Seite, schüchtert diese ein und malt in düsteren Farben, wie schlecht ihre Chancen sind, solange, bis er auf Granit stößt. Dann wendet er sich der anderen Seite zu und bohrt auch da, bis er auf Granit stößt. Das geht dann so mehrmals hin und her. Und wenn er Glück hat, sind beide Seiten so eingeschüchtert, dass sie sich - in der Mitte - "einigen". Das ist alles wenig erfreulich - auch für die meisten Anwälte.

Manche Anwälte können sich Mediation gar nicht anders vorstellen, als dass da jemand sitzt, der sein "Urteil" über den Fall abgibt und die Parteien zu einem Vergleich "überredet". Warum unter dieser (falschen) Voraussetzung der Mediator dann bessere Ergebnisse erzielen soll, ist für diese Anwälte eine zwangsläufige Frage, die natürlich nicht befriedigend beantwortet werden kann.

Dass es in der Mediation genau so nicht abläuft, wissen die meisten Anwälte nicht. Woher auch?! Schade nur, dass viele dieser Anwälte dann auch gar nicht bereit sind, etwas anderes als ihr gewohntes Streitschema kennen zu lernen.

Mediation hat auch für Rechtsanwälte viele Vorteile gegenüber dem gerichtlichen Prozess:
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